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Publiziert am 31.07.2018 17:24:11  Aufrufe: 436
 
 

"DAS GEHIRN IST KEIN WERKZEUG"

 

Franca Schönstein macht etwas mit TEXTL, was nicht in unserem Handbuch steht

Fritz Iversen spricht hier mit der Frühnutzerin Franca Schönstein. Fritz wurde neugierig, als sie in einer Diskussion sagte: "Es ist alles da, nur etwas verstreut ... Dieses TEXTL funktioniert wie Gehirn."


Fritz: Was gefällt dir an TEXTL besonders? Was findest du besonders erwähnenswert?

Franca: Emhhh. Muss ich nachdenken, was ich da sage. Also, das erste ist natürlich, das erwartest du ja wohl von mir, dass ich das sage, die Recherchierfunktion. Wenn ich schon denke, ich habe alle meine Gedanken zusammen, recherchier ich manchmal noch kurz, nur aus Neugier, und dann gibt es immer so plötzliche Einschläge, eine Verbindung von meinem Text zu irgendeiner Seite in irgendeinem Buch, die ich selbst nie gefunden hätte. Zack, liest du kurz rein in eine Fundstelle und stößt noch mal auf etwas, was die Sache an irgendeiner Stelle reicher macht und runder macht. Oder ich muss dringend etwas ändern, weil da eine Information auftauchte, die ich noch nicht hatte. Diese Mischung aus "passend & relevant" und "überraschend & inspirierend". Das kann dir auch mit Wikipedia passieren. Mit jeder Websuche kann dir das passieren. Wirklich lustig ist es erst, wenn es dir wie in TEXTL parallel mit dir selbst passiert, diese Selbstverblüffung.

Fritz: Versteh ich nicht so ganz ...

"Was  meinst du mit Selbstverblüffung?"

Franca: Wenn die Recherche entdeckt, was du vor Längerem schon mal aufgeschrieben hast, vielleicht als Notiz, vielleicht in einer Diskussion, und du denkst: Was?! Das habe ich geschrieben?! Das ist ja richtig interessant. Selbstverblüffung und Eigeninspiration sozusagen. Dafür schreibt man ja Zettel, Notizbücher, alles wird geschrieben, um es besser festhalten zu können, als es der eigene Kopf jemals könnte. Und das Festhalten ist sinnvoll, um daran später wieder etwas anzuschließen.  

Fritz: Ja, den Effekt kennt man. Man kann ja nur einen Bruchteil im Kopf behalten. Viele Ideen und Gedanken, die man hat, rekonstruiert man bei Bedarf, durch kurzes Nachdenken oder Formulierungsroutinen. Aber vieles, was vielleicht nur einmal da war, fällt einem selbst zuletzt wieder ein.  Oder nie. Oder, was am häufigsten ist, nicht im richtigen Moment. Wie die Angst des Redners vor dem Publikum: "Hoffentlich weiß ich gleich noch, was ich sagen wollte". Sprechen vor Publikum, eine der meist verbreiteten Phobien. Aus Unsicherheit über die eigene Geistesgegenwart.

Franca: Geistesgegenwart, schönes Wort. Du könntest sagen, TEXTL macht mich geistesgegenwärtiger. 

Fritz: Durch die Recherche?

Franca: Ja. Die Recherche sorgt für Präsenz dessen, was man gerade gut im Kopf brauchen könnte. Mir hat mal jemand gesagt: Wenn ich dich sehe, denk ich immer an den Satz, den du damals gesagt hast und den ich immer behalten habe, und dann kommt ein Satz, den ich gar nicht kenne, und ich habe keinen Schimmer, dass ich das mal gesagt habe, aber der Typ hat ihn behalten.

Fritz: Stimmt, das kann TEXTL auch, sozusagen dein ganzes Gesagtes dir bei Anfrage wieder zurückbringen, alle Notizen und alle Team-Channel scannen und durchforschen.

"Wenn ich mir vorstelle, ich hätte die letzten 20 Jahre alles in TEXTL gearbeitet und geschrieben ... "

Franca: Deshalb sehe ich da eine gewisse Gehirnähnlichkeit. Es gibt eine aktuelle Tätigkeit, ein Nachdenken über zum Beispiel neue Technologien für die energiesparsame Einlagerung von Äpfeln, und du kannst darüber nur nachdenken, wenn du aufrufst, was du dazu schon weißt oder erinnerst, alles andere wäre Herumphantasieren.

Fritz: Gehirnähnlichkeit scheint trotzdem etwas übertrieben und nicht zu passen. Das Gehirn funktioniert als Sieb, TEXTL eher wie Tupperdosen. Was du dir irgendwo aufschreibst, geht nicht verloren, bleibt völlig frisch erhalten und du kannst es jederzeit sofort wieder gebrauchen.

Franca: Ich habe gelesen, Menschen sind unter den Lebewesen diejenigen, deren Gehirne sich am meisten, mit großem Abstand, auch ohne äußere Anregung beschäftigen können. Gehirne arbeiten auch ohne Wahrnehmungs-Input, ohne neue Daten, ohne Reize von außen. Das Gehirn gleitet sogar ständig weg, driftet von ganz allein irgendwo herum. Das Hirn ist daher auch das Gegenteil eines Werkzeugs. Der Hammer hängt an der Wand und wartet, bis er gebraucht wird. Das Gehirn steigt sofort von der Wand herunter, freut sich über die ungenutzte Zeit und bastelt sich eine Verschwörungstheorie, ein Romanprojekt, einen Urlaubstraum, einen bösen Plan. Gedächtnis und Erfahrung ersetzen die äußeren Reize durch Eigenreize, durch innere Wahrnehmung. Der Körper will Bewegung, das Gehirn liegt lieber auf der Wiese und die Gedanken quillen auf im Hefeteig der eigenen Gedanken, früheren Wahrnehmungen und so weiter. So kann ein Gedanke, den du erinnerst, zu einem neuen Gedanken führen, den du noch nie hattest.     

Fritz: Ich ahne was, glaube ich...

Franca: Das Gehirn bewegt sich in einem aktuellen Kontext, der auch ein innerer Kontext sein kann, ob das eine berufliche Aufgabe ist oder eine plötzliche Wahrnehmung, gleichzeitig ruft es aber auch kontextual Erinnerungen und Erfahrungen auf. Genau dieses Modell finde ich in TEXTL ...

"Dein aktuelles Problem, also was du da gerade machst, wird zum Kontext, zu dem sich Verschüttetes und sonstwie Passendes zurückmeldet, automatisch."

Fritz: Schreibfeld und Toolbox ...

Franca: Ja, genau. Und nachdem ich es mal so betrachtet habe, dachte ich, ach ja, dann ist ja TEXTL auch automatisch mein großer und ständig weiter wachsender Merkzettelkasten, mein Luhmannscher Zettelkasten, stellenweise verbunden mit den Luhmannschen Zettelkästen von anderen, mit denen ich kollaboriere, wobei ich mit TEXTL kaum nachdenken brauche, wie ich Ordnung halte. Register ist nicht so wichtig. Weil alles wird von allein zum Erinnerungsstoff, alles wird merkfähig, alles kann in meinen unterschiedlichen Kontexten wieder in der aktuellen Betätigung auftauchen, und zwar halb willkürlich, halb unwillkürlich, also auch mal zufällig, weil das TEXTL-Gehirn quasi eigene und immer wieder neue Synapsen bildet. Mit einem und dem gleichen Suchwort habe ich je nach Kontext etwas andere Ergebnisse, aber immer kontextual relevant.

Fritz: Man kann dadurch auch selbst-kollaborativ werden? Irgendwie ist da was dran, ich frage mich nur, ob du nicht gerade ein philosophisches Soufflé baust, das für so eine sehr technologische Sache etwas zu großartig ist. Es geht um computerlinguistische Suchfunktionen. Der Begriff Synapsen oder auch Neuronen wird ja auch immer für Machine Learning verwendet. Ich finde, man sollte chaotische Lebensprozesse nie mit den determinierten technischen Prozessen sprachlich zu eng zusammenbringen. Das führt zu falschen Vorstellungen. TEXTL lebt ja nicht. TEXTL versteht auch nicht viel, jedenfalls noch nicht. Der Kern ist Vektorenmathematik, computerlinguistische Verfahren, Elastic Search und so weiter. 

Franca: Das ist richtig, da würde ich dir zustimmen. Ich will auch eigentlich auf etwas Praktisches hinaus, also auf einen Umgang mit TEXTL, der nicht in deinem Handbuch steht.

"Schiefe Metaphern können dich doch auf praktische Ideen bringen."

Fritz: Und die wären?

Franca: Die meisten Projekte von mir mache ich allein, also ohne Kollegen, ohne Team. Was mache ich dann mit dem Team-Channel?! Das ist doch wunderbar, dass ich den dann nur für mich habe ...

Fritz: Für innere Monologe? Selbstgespräche?  

Franca: Nein, aber ich kann mir damit Notiz-Threads anlegen. Also nur mal angenommen, Thema des Projekts ist "Der europäische Apfelmarkt", ich bin im Kapitel Kostenstrukturen, dann lege ich mir einen Thread Produktionskosten an, einen zu Transportkosten, einen vielleicht zu Klimatisierungskosten speziell, einen zu Vertriebskosten oder zu Managergehältern im Fruchthandel. Und das kann ich dann mit der Antwortfunktion noch vier Stufen tiefer fortführen, beliebig viele Info-Parzellen anlegen. Und wirklich merken muss ich mir nichts, durch die kontextuelle Suchfunktion. Für Doktorarbeiten, Sachbücher oder größere Whitepaper ist das doch toll, ein solches Notizsystem neben dem Text, kapitelweise oder nicht kapitelweise, alles leicht wiederzufinden.

Fritz: Und was machst du dann mit der Notizen-Funktion?

Franca: Da landen Einfälle oder Formulierungen, die ich mir ein bisschen auf Reserve lege oder die ich nicht einsortieren kann. Oder eben Text-Module, die ich an verschiedenen Stellen in den Text droppen will. Aber jeder Text, den ich irgendwo mit TEXTL schreibe, ist ja am Ende wieder wie Material.  

Fritz: Hast du noch einen Trick, der nicht im Handbuch steht?

Franca: Gar nicht so selten nutze ich die Möglichkeiten zur Duplizierung des aktuellen Textes side-by-side. Damit kann ich gleichzeitig meinen Text durchscrollen und bleibe trotzdem auf der aktuellen Seite, um da weiterzuschreiben.

Fritz: Mit der Druckvorschau, oder?

Franca: Genau, das ist ein Weg. Ich bin vielleicht in Kapitel 15, frage mich, ob ich mich gerade wiederhole mit dem, was in Kapitel 3 schon stand. Dann Druckvorschau aufrufen, rechts in der Toolbox kann ich die ganze Sache durchscrollen, ich bleibe aber gleichzeitig an der Stelle, an der ich arbeite. Kein Jonglieren mit verschiedenen Screens oder Tabs. Ganz simpel und sofort. Ich mache das relativ oft.

Fritz: Ja, klar, das habe ich auch schon so gemacht. Über die Stichwortsuche geht das übrigens mit jedem der Projekte, bei denen du dabei bist. Die Projekte werden ja als eigene Kategorie durchsucht. Klickst du auf eine Fundstelle, geht der Text rechts neben dem Text auf, an dem du schreibst, im PDF-Viewer.   

Franca: Oder über den Tab mit der Projektliste, aber das habt ihr noch nicht so gut gelöst, weil ich das nur als modales Fenster bekomme, nicht im Tab und nicht side-by-side. 

Fritz: Möchtest du sonst noch etwas kritisieren? Was sollten wir ändern, verbessern?  

Franca: So viel Zeit habe ich heute nicht. (Lacht) Ich weiß ja, dass ihr noch viel vorhabt. Ich komme gut zurecht und mag TEXTL wirklich gerne. Ich glaube aber, ihr müsst das Onbaording irgendwie noch einen Tick leichter machen. Eigentlich ist ja alles ganz einfach, andererseits kommen die Leute, die ich schon mal hereingeholt habe in ein Projekt, nicht so super easy zurecht. Das ist einfach so, da müsst ihr besser werden. 

Fritz: Ist das nicht normal? Viele scheitern doch genauso an Instagram oder Trello oder Slack, weil sie gerade nicht so richtig Lust haben, sich mit der Sache einen Augenblick zu beschäftigen. Ich muss immer eine halbe Stunde ins Ausprobieren investieren, mehr oder weniger. Ich muss für jede App ein klein wenig Spieltrieb und Geduld investieren.   

Franca: Schon richtig. Etwas Interesse muss ich mitbringen. Eine Bedienoberfläche finde ich leicht, wenn sie fast genauso aussieht wie eine GUI, die ich schon kenne. Euer Schreibfeld finde ich daher sehr leicht, die Toolbox daneben aber kenne ich nicht. Die ist ziemlich neu. Split-Screens sind immer eine kleine Herausforderung, bist du verstehst, wie links und rechts zusammen ein Ganzes sind. Ich würde dazu gerne Clips haben, die zeigen, wie was alles geht und zusammenhängt. Euer Schnellstart-Handbuch ist nur gut zum Nachschlagen, nicht fürs Onboarding, finde ich.

Fritz: Clips kommen bald. Auf einer Skala von 1 bis 10 - wie leicht ist TEXTL deiner Meinung nach zu nutzen? Sagen wir mal 1 ist SAP und 10 ist Whatsapp. Wo siehst du TEXTL da?

Franca: Ich glaube, ich gebe euch eine 6 bis 7. An sich finde ich die einzelnen Funktionen alle sehr einfach und klar. Ob ich eine Quelle importiere, ein Projekt einrichte, Teamchannel, Leute in ein Projekt einlade - das ist alles im Bereich 8, würde ich sagen. Oder sogar 9 teilweise. Aber durch die Vielzahl, nur durch die Vielzahl der Möglichkeiten muss ich sagen, du brauchst als Neueinsteiger ein bisschen Zeit, bist du angekommen bist. Deshalb vergebe ich heute nur eine 6,5.  

Fritz: Wenn ich jetzt was abziehe, weil du freundlich sein willst ...

Franca:  ... muss, oder?

Fritz: Ach nein, Feedback... ehrlich ist immer am nützlichsten. Wenn du so ein dickes Ding baust wie wir mit TEXTL, dann ist Selbsttäuschung blöd. Wie eigentlich meistens im Leben. Im Team freuen wir uns eigentlich immer, wenn wir etwas leichter, besser oder funktionaler gemacht haben. Wenn wir einen Verbesserungseinfall haben, der leicht zu coden ist.   

Franca: Ich wünsche euch jedenfalls viel Glück. Redest du noch mit anderen Betatestern?

Fritz:  Kann sein. Gerne jeder der möchte. Vielleicht erst einmal mit Florian May. Eventuell auch als Podcast. Mal sehen. Danke jedenfalls. Und bitte weiter erzählen. 


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