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Publiziert am 05.11.2018 14:21:28  Aufrufe: 734
 
 

Internationale Lese- und Diskussionskreise online veranstalten

 

LeserInnen aus mehreren Ländern reden über ein Buch. In Lesekreisen oder Seminaren, die keine Ländergrenzen kennen. Wie wäre so etwas machbar? Die Idee dazu hatte ich Ende Oktober, nach der Buchmesse. Hier frage ich mich, wie sie funktionieren und so gestaltet werden könnten, dass nicht nur Bewertungs-Smalltalk herauskommt.

Mich selbst interessiert das Thema übrigens auch aus diesem Grund: Ich frage mich seit einiger Zeit, warum Gruppen so selten gelingen und so oft scheitern.

Das Kollaborations-Paradox

Lesekreise ("social reading") sind offline eine weit verbreitete Form der Beschäftigung mit Literatur. Einige Verlage in den USA und Deutschland unterstützen sie sogar mit extra erstelltem Material und Portalen für Lesekreise (z.B. DTV und Hanser).

  • In Deutschland werden bis zu 70.000 Lesekreise vermutet - mit möglicherweise rund 700.000 Mitgliedern.

Offline-Lesekreise finden in Privaträumen statt, meistens einmal im Monat. Ratgeber zu Lesekreisen empfehlen, dass die Gruppe ca. 8 bis 10 Mitglieder haben sollte, denn selten sind alle tatsächlich anwesend. Man muss mit Schwund rechnen.

Virtuelle Lesekreise haben eine motivatorisch andere Problematik. Sie sind überraschenderweise schwieriger ins Leben zu rufen, weil virtuelle Räume einige Struktur- und Motivationsmängel haben. Zum Beispiel gibt es für das Face-to-Face-Erlebnis keinen gleichwertigen Ersatz.

Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Schwachstellen überwunden werden, indem man die vielen Vorteile der virtuellen Gesprächsräume geschickt nutzt und bewusst gestaltet. 

Dies ist meiner Ansicht nach das Kernproblem, das von Online-Kollaborations-Enthusiasten (zu denen ich mich auch zählen würde) oft übersehen wird:

  • Die Individuum-Gruppe-Beziehung ist etwas, was nicht zuverlässig funktioniert.
  • Sie ist meistens gleichzeitig mit Lust- & Unlustgefühlen belastet.
  • Sie ist leicht störbar durch viele psychische Dynamiken (ständig "Meta-Themen-gefährdet").

Abgesehen von divergierenden Voraussetzungen, Interessen, Diskussionsweisen, spannen sich die Motivationslagen zwischen den Polen "Ich möchte unbedingt dabei sein" und "Ich habe gerade keine Lust und noch etwas anderes vor":

  • Auf der einen Seite starke Wünsche, sich mit anderen zu verbinden und "gemeinsam was zu machen".
  • Auf der anderen Seite findet man Bewegung in Richtung Selbstbestimmung, "eigenem Tempo", Flexibilität, Rückzug etc.  

Übrigens: Es gab und gibt in Deutschland studentische Lesekreise und organisierte Gruppenunterstützung (siehe z.B. Alternatives Vorleseverzeichnis Uni Frankfurt), immer wieder beliebt sind Karl Marx und Kritische Theorie, aber auch so etwas wie "AK Feminismius für Informatikfachschaften" habe ich entdeckt.

Bemerkenswert in den letzten Jahren sicherlich die Genese der "Pluralen Ökonomik", die stark von engagierten Studenten und jungen Lehrbeauftragten angeschoben wurde. 

Zwecke und Ziele machen aus Teams "Mannschaften". Mitglied einer Mannschaft zu sein kann einen hohen emotionalen Anreiz bedeuten, weil durch den inneren Zweck Stolz und "Erzählwert" entstehen. Arbeitsgruppen sind emotional weniger lohnend, wenn es dort nur um die Erfüllung gestellter Aufgaben geht.

Durch das Kollaborations-Paradox sind Gruppen unvermeidlich fragil 

Wer kennt das nicht? Erst Begeisterung, dann bricht die Anfälligkeit aus für Konflikte, Frustrationen, Motivationsunterschiede und damit für das Scheitern des ganzen Gruppenprojekts. 

Ein Grund ist natürlich: Überlastung. Die Menschen merken erst nach Anmeldung zu einer Gruppe, dass ihre Zeit knapp ist. Oder ist das Interesse nicht stark genug?

Gegen diese Fragilität der Gruppen haben die Menschen sich unglaublich viele psychologische und anti-psychologische Hilfsmittel einfallen lassen ("Zwänge" wie zum Beispiel Terminsetzungen, Leistungskontrollen, Anwesenheitspflichten oder Noten für die bloße Beteiligung). "Gruppenformation" ist für Coaches und Führungspsychologen ein Thema von nie aufhörender Relevanz und wenn man einmal darauf achtet, entdeckt man an allen Ecken und Enden Maßnahmen, um das Gruppenverhalten zu harmonisieren. 

Die allseits beliebteste Form der Gruppe ist die "Party": Man genießt alle Vorteile, wenn man nur anwesend ist, und kann problemlos wieder gehen, wenn einem danach ist. Die Mischung von Entertainment und Unverbindlichkeit ist ein unschlagbarer Magnet. 

Unbeliebt sind umgekehrt alle Formen von kollektivistischen Gruppen, denen du nicht einfach entfliehen kannst, wenn du der Gruppe überdrüssig bist, und die dir womöglich abverlangen, dich in den Dienst einer Gruppenhierarchie zu stellen.  

Für einen internationalen virtuellen Lesekreis heißt das, dass das beliebte Party-Modell wahrscheinlich nicht gut funktionieren würde

Die Motivation ist anfangs hoch, weil "neue spannende Leute kennenlernen" eine emotionale Attraktivität besitzt, aber logischerweise verbraucht sich dieses Motiv, zumal wenn Unlust-Faktoren im Spiel sind wie Leseaufgaben, implizite oder explizite Fremdbewertungen meiner Beiträge vor den Augen anderer, etc.   

Idealerweise würde man also eine virtuelle Lesegruppe so gestalten, dass sowohl die ursprüngliche Motivation des Lesekreises als auch der möglichst frustrationsarme Zusammenhalt über den geplanten Zeitraum gewahrt bleibt. 

Dabei sehe ich 5 Punkte, die überlegt gestaltet sein können: 

1.) Synchrone und asynchrone Beteiligung mischen

Virtuelle Lesekreise können asynchron ablaufen, das heißt die TeilnehmerInnen geben ihre Beiträge in den Kreis, wenn sie gerade Zeit dafür haben. Über Websessions sind aber auch synchrone Chats möglich.

Ich würde vorschlagen, beide Ansätze zu verwenden, aber mit unterschiedlichen Zielen:  

  • Websessions sollten eher zwanglosen Charakter haben, thematisch offen sein und den Spaß der Gruppe an sich selbst fördern. Sie dienen der De-Anonymisierung der Gruppenmitglieder und können daher auch Meta-Themen und tagesaktuellen Off-Topic-Kram aufgreifen. Dass man miteinander spricht ist wichtiger, als was man miteinander spricht - das Ergebnis festigt die Motivation, das Zweckgefühl und den Wunsch, die "neuen Freunde" nicht zu enttäuschen.
  • Die asynchronen Beiträge sollten sich dagegen strikt um die Ziele drehen, welche die Gruppe zusammengeführt hat - das Ergebnis wäre "Erfolg" im Sinne von interessanten Fragen, Gedanken, Diskussionen, gemeinsam erschaffenen Thesen und Erkenntnissen.

2.) "Wir" sollte definiert sind

Intuitiv werden online Offenheit und Freiwilligkeit favorisiert - zum einen um sich im Mitgliederwachstum nicht zu beschränken, zum anderen weil jeder das Kollaborationsparadox in sich trägt und lieber nur unverbindlich mitarbeiten möchte.  

Um an diesem Paradox nicht zu scheitern, würde ich vorschlagen, die kollaborativen Lese- & Diskussionsgruppen zu definieren und zu limitieren, z.B. "es können nur jeweils 5 Studenten teilnehmen von der Universität Y in den USA und 5 Studenten von der Universität X aus Deutschland".

Das sind Parameter, mit denen man spielen kann - Hauptsache es entsteht eine definierte Gruppe, die von sich sagen kann: "Wir 10 Leute bilden gemeinsam diese Gruppe, wir haben gemeinsame Absichten und wollen A tun und B erreichen."

3.) Es sollte Außenbeziehungen geben

Außenbeziehungen können Feedback zur Verfügung stellen und sie können vielfältig sein. Denkbar sind:

  • Tutoring,
  • Austausch mit parallel arbeitenden Gruppen,
  • Öffentlichkeit (via Blogs).   

Es sind auch noch andere Formen von Vernetzungen denkbar - das Internet bietet dafür ein großes Spielfeld (z.B. Einbezug von Twitter, um bestimmte Thesen dort schnell durchschleudern zu lassen, das Befragen von Spezialisten, etc.).  

4.) Es muss eine Aufgabe geben 

Keinen Arbeitsauftrag, aber ein gemeinsames Verständnis über die "Mission" der Gruppe:

  • Was ist der Gegenstand, über den "wir" sprechen wollen?
  • Warum und wozu?
  • Welche Fragestellungen sind für uns zentral wichtig?    

Die thematischen Setzungen sind als Startpunkt zu verstehen. Wenn sich unterwegs Erweiterungen, Verengungen oder Seitenpfade ergeben, muss dies nicht unbedingt die Fokussiertheit beeinträchtigen.  

5.) Weitere Strukturbauteile

Die internationalen virtuellen Lesekreise könnten auch noch andere Instrumente verwenden, damit die Gruppe erfolgreich abläuft. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die notwendig sind. Nennen wir sie optional:

  • Wochenfragen
  • Zusammenfassungen & Protokolle
  • Rollen (Moderator, Rechercheur, Protokollant, "Thesen-Teufel" zum Emulieren von Gegenpositionen...)

Zum Schluss: Welche Technologien? 

Echte Edu-Tech-Spezialisten kennen sicherlich mehr Angebote. Hier nur einige Anregungen, aufgeteilt in 3 Gruppen.

1.) Text gemeinsam lesen, Anmerkungen machen und diskutieren

  • Mojoreads.com: Social-Reading-Plattform mit eigenem Online-Reader. Nutzer können Stellen in Büchern markieren, kommentieren und auf Kommentare antworten. Ferner sind geschlossene Diskussionsgruppen möglich. 
  • Lovelybooks.de: Gedacht für virtuelle Lesekreise, aber ohne Möglichkeit direkt zum Text zu kommentieren. Als Gesprächsplattform gut brauchbar durch Einteilung in Unterthemen, Antwortfunktion, Möglichkeit für Anhänge und Bilder (so könnte man Buchseiten durch Screenshots integrieren).
  • PDFs in G-Docs: PDFs können in Google gemeinsam gelesen, kommentiert und diskutiert werden. Eine magere, aber mögliche Lösung für Social-Reading - ideal für "partyförmige" Gruppen, da man sich nicht unbedingt anmelden muss.
  • TEXTL.net: Texte können in TEXTL ins Schreibfeld importiert und in Kapitel segmentiert werden. Möglich sind Anmerkungen zum Text und davon unabhängige Diskussionen mit Antworten (4-stufig). Anzeige insgesamt oder pro Kapitel, ferner nur zum Text, nur nicht zum Text oder alle. Alles semantisch durchsuchbar. Ferner gemeinsame, semantisch durchsuchbare Material-Bibliothek (Aufsätze, Artikel, andere Bücher).

Mit Microsoft 365 gibt es auch Möglichkeiten, das setzt allerdings Abonnements voraus.

2.) Weitere Diskussionsplattformen

  • Slack und seine Verwandten. 
  • Facebook ist empfehlenswert für Off-Topic/sozialen Kontakt
  • Twittergruppe auch für Off-Topic, Fragen-Antworten, verknappte Diskussionen

3.) Websessions

  • appear.in
  • zoom.us
  • Google Hangouts (soll eingestellt werden)
  • Skype

Ich möchte keine ausdrückliche Empfehlung abgeben, weil mir der komplette Überblick fehlt und ich nicht weiß, was am besten funktionieren könnte.

Abgesehen davon: Zum Ausprobieren könnte ich mir die Verbindung aus mojoreads.com als Leseraum und TEXTL.net als ergänzenden Arbeitsraum vorstellen, dazu eine geschlossene Twittergruppe für Off-Topic und irgendeine Websession-Lösung für die direkte "synchrone" Begegnung.  

Eine virtueller, internationaler studentischer Lesekreis wäre sicherlich ein "Experiment". Es liegt im Jahr 2018 nahe, finde ich, so etwas zu versuchen. 

(Wer an diesem Thema Interesse hat, die lade ich gerne zum Diskutieren und Weiterarbeiten in diesen Projektraum ein. Erster Schritt wäre ggf. anmelden bei TEXTL, zweiter Schritt wäre mich kontaktieren oder dann hierunter kommentieren.)





 

Fußnoten

[1] In Österreich gibt es seit 2015 unter Leitung von Doris Moser ein Forschungsprojekt zur Kommunikation über Bücher in Lesekreisen im Vergleich Bücherdiskussionen in Online-Foren (http://lesegruppen.aau.at). Mehr dazu in dem das Gepräch, das Sandro Zanetti mit Claudia Dürr für "Geschichte der Gegenwart" führte (https://geschichtedergegenwart.ch/zeig-was-du-liest/).

[2] Laut www.mein-literaturkreis.de

[3] Bei Interesse an diesem Thema ist dies eine gute Einführung in das Problem: Olaf Geramanis, "Gruppen-Kompass - Gruppen-Design zwischen Struktur und Prozess", 2007, http://www.gruppendynamik.ch/downloads/gruppen_kompass.pdf

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