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Publiziert am 07.07.2016 20:32:47  Aufrufe: 1334
 
 

Zur Umweltkrise des Journalismus

 

Dieser Beitrag entstand als Kommentar zu dem Artikel von Christoph Kappes  "Die Journalismus-Krise ist eine Krise seiner Umwelt".  

Dass "Wissen" durch unstrukturierte Debatten abnimmt, scheint logisch zu sein, insofern nach und nach jedes "Wissen" auf einen Zweifel trifft. Trotzdem würde ich beim Thema Journalismus auch das anzweifeln. Stimmt es denn, dass es "kein empirisches Vorgehen" gibt?

Die Debatten ums Journalistentum teilen sich in zwei Hemisphären: Auf der einen Seite die Abnehmer ("Lügenpresse!", "Qualitätspresse?!", "Zu teuer!" etc.), auf der anderen Seite die Branche selbst, und das sind Empiriker. Viele ihrer Ansichten sind ausformulierte Praxisstrategien, aktuelle Erfahrungen. Brancheninsider hören auch stark aufeinander. Wenn z.B. die Rheinzeitung Rechenschaft ablegt, wie es sich hinter der Paywall lebt, dann ziehen daraus andere ihre Schlüsse.

However, die Grundthese, dass der Journalismus an und durch seine "Umwelt" leidet, ist kaum anzuzweifeln. "Umwelt" ist dabei mE nach ein guter Begriff, weil die Leidenspunkte ein durchaus unübersichtliches Geflecht von sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren und Dilemmata bilden.

Man kann die verwickelten Problemlagen auch mit einer hochgradig verbastelten IT-Systemlandschaft vergleichen, sagen wir mal mit den IT-Systemen einer Airline, die über 50 Jahre an allen Ecken und Enden gewachsen sind. Die sind nur unter großen Risiken und großem Aufwand zu verändern. Die sogenannte "geschäftsstrategische Reagibilität" nimmt in Legacy-Systemen immer ab.

Ähnliches wiederfährt den Tageszeitungen, die so viel Erbgut in Geschäft und Organisation mittransportieren müssen, dass sie fast wie eingefroren sind bzw. nur mit sehr großen Investitionen von Grundauf zu ändern wären. In D konnte sich das Springer leisten, andere bräuchten Investoren mit ziemlich tiefen Taschen, am besten solche, die die veränderten Umweltbedingungen verstehen (s. Washington Post & Bezos).

Wenn man es einmal so sieht, dass der Journalismus bei Produkt, Fabrikation, Distribution und Zielgruppensegmentierungen durch seine Altlasten die notwendigen "Migrationsprojekte" nicht gerade rasend schnell umsetzen kann (zumal sich auch die Leser habituell unterschiedlich klassifizieren und entwickeln), dann könnte man die Zeitungen und Magazine aus Investorensicht fragen:

"Pitchdeck? Business-Plan mit Umsatzszenarien - habt ihr schon?"

Wie würde denn ein zukunftsorientiertes journalistisches Produkt mit Verantwortungsansprüchen an den Wert der eigenen Arbeit aussehen, wenn man es heute ganz neu und frisch starten würde?

Tja, wie bloß!? Das ist der Grund, warum die Branche derzeit für Kapitalgeber nicht gerade reizvoll aussieht und das eingegrenzte Experiment der Modus der Entwicklung ist. Bei der Frage "und womit wollt ihr künftig Geld verdienen?" herrscht Nebel.

In meinem Bemühen, durch Debattenbeiträge das Wisssen zu verringern, nur noch 2 Anmerkungen.  

1. In dem Abschnitt "Lösungen" steht der schöne Satz: "Zusammenarbeit erzeugt schneller bessere Texte". Ich weiß nicht, ob es unbedingt immer schneller geht, aber generell ist Kollaboration der philosophische Hebelpunkt schlechthin. Im Grunde geht es um "Connections" auch in den anderen Punkten wie Nutzen von externen Experten, Open Source oder Institutionsformen von Journalismus.

Journalismus war immer Organisation von Kollaboration (im Gegensatz zum für sich schreibenden Schriftsteller, Publizisten etc.). Das Vertrauen in Zeitungen beruhte geradezu darauf, dass eine Redaktion ihre Arbeit macht, strikt getrennt vom Anzeigenvertrieb, und die kaufmännische Leitung konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Das war die Grundlage von Marke und Legitimation.

Dieses unabhängige Redaktionskollektiv ist massiv bedroht, wird auch technologisch unterspült (Chartbeat etc) oder ist schon funktional dem Marketing unterstellt (ich nenne mal keine Namen). Neue Ansätze wie z.B. "Krautreporter" ranken sich daher immer auch um neue Formen von Kollektiven (was etwas anders sind als die Ansammlung einsamer Schreiber wie bei Huffington, medium.com oder so).

Wer von Journalismus redet, sollte mE primär von redaktionellem Journalismus reden, denn im qualitativ arbeitenden Redaktionskollektiv und seinen gemeinsamen Ressourcen liegt vielleicht das, was am schmerzlichsten zu vermissen wäre.

Die 2. Anmerkung betrifft das Oberthema "Aufklärung oder Animationsarbeit?" Das "oder" enthält Meinung, z.B. Ansichten über das Publikum und seine Fähigkeit, sich für etwas inhaltlich zu interessieren: Eine journalistische Arbeit, die per "Animation" verbreitet findet, könne nicht aufklärerisch sein. 

Das glaube ich nicht so einfach. Dass es Journalismus als blankes Marketing-Tool gibt, ist nicht bestreitbar, enthält aber zwei wichtige Einsichten:

a) Das Publikum trennt sich in eine Vielzahl von Publiktümer mit unterschiedlichen Gewohnheiten und Interessen.

b) Alle haben gemeinsam: Sie interessieren sich.

Wie bekloppt interessieren sich alle für Neuigkeiten (die nur selten das Wichtigste in der Welt sind), dann aber auch für Themen (von Fachverlagen kann man lernen, z.B. Ebner).

Auch "Aufklärung" muss daher aufgeklärt übers Publikum nachdenken und sich mit solchen Fragen beschäftigen wie: Für wen wird dieser Artikel geschrieben? Aus welchen Gründen möchten diese Leute ihn lesen (Relevanz)? Was ist der Punkt, der sie besonders stark interessieren könnte?

Aus der Falle der Buzzfeed-Köder befreit man das Publikum nicht durch Appelle an den Selbstanspruch ans Informiertsein, sondern durch Arbeit für ihre Interessen.

Wenn die Menschen im Netz mehr journalistische Produkte nutzen als je zuvor, dann deshalb, weil sie sich entlang ihrer eigenen Lesewünsche ihr Menü selbst zusammensuchen, "zusammenfinden" (was aus sich heraus für einen Verlust an Autorität bzw. "Vertrauen" in journalistische Produkte sorgt). Am meisten vom Aussterben bedroht sind die uninteressanten Artikel, die auf die angeführten Fragen keine Antwort haben. Oder anders gesagt: Je relevanter ein Artikel für ein Publikum ist, desto weniger Tricks benötigt er in der Vermarktung. Siehe den gewissen Erfolg von Longreads, und auch Blendle ist ein Indikator, dass das interessegeleitete Lesen der unterbödige, letztlich einzig tragende Haupttrend ist.

Buzzfeed ist nur scheinbar die Zukunft, läuft sich in Wahrheit tot, wie sich auch Werbung am dicken Fell der Menschen immer wieder totläuft. "Focus" könnte man als Versuch sehen, Interessen "animiert" anzusprechen, ich glaube allerdings nicht, das man im Hause Burda wirklich versteht, was sie treiben, weil Focus nur noch aus dem Controlling heraus gesteuert zu sein scheint.

Und natürlich fürchten die in Legacy-Modellen gefangenen Angebote nichts mehr als das abo-unabhängige, interessegeleitete Lesen. Die Kritik an der Aufmerksamkeitskonkurrenz verstehe ich daher auch als Leiden an der Unfähigkeit, im Rahmen der herkömmlichen Distributionsformen an dieser Konkurrenz teilnehmen zu können.

P.S. WRITE2GETHER soll in bälde starten, es fehlt derzeit noch an einem wichtigen Update und an einigen Erklärungen, was hier alles geht. Wer möchte, kann sich aber schon einfach anmelden und sich per Ausprobieren der Sache nähern.


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